thoughts: #ichbindannmalweg

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„deli, neues tattoo? zeigen!“

ein harmloses gespräch, eine harmlose frage in der whatsappgruppe, die wir sechs damals gegründet haben, als unser leben noch einfacher und unsere freundschaften sorgloser waren. ich sitze auf der couch und muss lächeln, als ich die nachricht aus dem augenwinkel auf meinem handy aufleuchten sehe, denn offenbar hat eine meiner alte schulfreundinnen meinen letzten blogpost tatsächlich bis zum bitteren ende gelesen. ich finde das nicht selbstverständlich – im gegenteil, es bedeutet mir viel. ich schnappe mir mein handy und beginne zu tippen.

 

„jaaah. ich schicke euch nachher ein -„

 

ich habe keine zeit, zu erklären, dass ich nachher ein foto schicke. eine meiner schulkameradinnen kommt mir zuvor.

 

„#ichbindannmalweg“

 

ein hashtag und sie hat die gruppe verlassen. ich runzle die stirn. habe ich irgendetwas verpasst? ich setze zu einer frage an, aber komme wieder nicht dazu, zu ende zu tippen.

 

„#ichziehmit“

 

eine zweite langjährige freundin, auch sie verschwindet aus der gruppe. ich verstehe nichts mehr. ich scrolle nach oben, überfliege die letzten nachrichten. schon ein paar wochen her, ende februar. aber nichts, was auch nur ansatzweise erklären würde, was gerade passiert ist. ein insider, den ich übersehen habe? die beiden waren schon immer enger miteinander befreundet als der rest von uns. dennoch – mein humor ist es nicht.

ich suche in meinem whatsappverlauf nach einem der beiden namen und werde nach einigem scrollen fündig.

 

„hab ich was verpasst? alles klar bei euch?“, schreibe ich.

„jaaa, alles okay. aber sind wir mal ehrlich, die gruppe ist doch mega eingeschlafen. dafür war es schon lange mal zeit.“

 

ich muss ihre antwort zwei mal lesen, bevor ich sie verstehe. ich sitze da, starre fassungslos auf mein handy und spüre, wie ich augenblicklich wütend werde. wütend – und noch viel trauriger.

 
Deliah03
 

„und statt etwas dagegen zu tun, verschwindet ihr? na, ist ja echt nett.“

 

ich merke, wie beleidigt ich klinge, aber es ist mir herzlich egal. ich bin beleidigt.

 

„naja komm. keiner von uns hat wirklich interesse daran, das zu ändern, sind wir mal ehrlich. da schreibt immer mal sporadisch jemand rein und bekommt wenn er glück hat eine antwort“, schreibt sie.

„find ich doch etwas vermessen, dass du von dir auf andere schließt. und ziemlich schade.“

„hey, meine entscheidung da auszutreten. könnt ihr ja alle handhaben wie ihr möchtet. wenn jemand mit mir kontakt halten will, kann er das tun. mit unserer gruppe oder ohne.“

„jo“, antworte ich, „nur finde ich, dass es eine eine jahrelange freund- und bekanntschaft verdient, dass man mehr als einen bescheuerten hashtag als erklärung hinterlässt. ganz ehrlich, was ist das für ne art? findest du das respektvoll? oder höflich? sollte das ein dramatischer abgang sein? ist gelungen, herzlichen glückwunsch.“

„ziel erreicht“, antwortet sie und setze einen bescheuerten smiley dahinter. „nein deli ehrlich. was willst du von mir hören? faktisch führen wir in dieser konstellation keine freundschaft mehr. ist nichts persönliches. aber ich find es geheuchelt so zu tun, als wären wir verbunden.“

 
Deliah07

 

wow. das sitzt. eine verbale ohrfeige, die mich ins wanken bringt. die nicht nur mich in genau diesem moment ins wanken bringt, sondern meine definition von freundschaft, von verbundenheit, von respekt und loyalität und höflichkeit gleich mit. die mir die tränen in die augen schießen lässt.

nein, wir führen in dieser konstellation tatsächlich keine freundschaft mehr. das kann ich nicht bestreiten, erst recht nicht, nachdem ich mir ein paar tage zeit genommen habe, um darüber nachzudenken. wir schicken alle paar wochen ein meme in die gruppe, ein paar lachende smileys hinterher und zeigen so, dass wir noch nicht komplett in der versenkung verschwunden sind. ab und an schlägt einer von uns in einem anflug von sentimentalität vor, dass man sich doch unbedingt mal wieder sehen müsste. meistens wird daraus nichts, zu busy, zu viel weltgeschichte, alles andere ist wichtiger. zeit ist schließlich unser kostbarstes gut – und wer kommt heutzutage noch auf die idee, sie an alte freunde zu verschenken, wenn es doch so viel naheliegenderes gibt?

acht jahre freundschaft. es ist mir schleierhaft, will nicht in meinen kopf hinein, wie man nach acht jahren freundschaft nur vergessen kann, dass man auch höflich zueinander sein kann, ohne zu heucheln. wie kann man vergessen, dass kommunikation alles ist, dass man darüber reden oder wenigstens ‚tschüss, war schön mit euch‘ sagen kann, anstatt feige durch die blume ‚fuck you, scheiß auf die gute zeit‘, nur um anschließend einen dramatischen abgang hinzulegen?

ich kämpfe die tränen zurück, die in meinen augen brennen, die mir schmerzlich bewusst machen, dass ich gerade mit einem schlag zwei frauen verloren habe, die ich für meine freundinnen gehalten habe – und denen ich mich trotz all der zeit, die seit unserem letzten intensiven gespräch vergangen ist, sehr wohl verbunden gefühlt habe. durch klassenfahrten, das erste mal flaschendrehen in der jugendherberge und filmabende, bei denen ich vor angst hyperventiliert habe, weil es unbedingt ein horrorstreifen von steven king sein musste. durch unsere ersten harmlosen und späteren komplizierten männergeschichten und den urlaub in schweden, in dem wir zu peter fox ‚haus am see‘ getanzt haben.

es war keine enge verbindung mehr, so realistisch bin ich – und dass sie denken, dass unsere freundschaft ihr haltbarkeitsdatum überschritten hat, damit komme ich auch klar, irgendwie. die schuldfrage interessiert mich nicht. was ich aber nie, nie vergessen werde, ist die art und weise, auf die sie uns gezeigt habt, wie verdammt egal wir ihnen geworden sind.

 

„mir scheint, du bist wohl etwas überemotional“, sagt sie und setzt dem gespräch damit das golden-glitzernde krönchen auf.

ich atme tief durch. gebe es auf, erklären zu wollen und um den respekt zu betteln, den ich verdient hätte.

„lass gut sein. ich wünsch dir eine schöne zeit“, schreibe ich, lege das handy zur seite und trage den gedanken zu grabe, dass wir anders sind. because sometimes, it’s better to just move on instead of being the only one who’s willing to fix things.

 
 
photos by annette zer

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1 Comment

  1. Julia 17/11/2016

    Traurige Geschichte, aber ich muss leider sagen, dass ich beide Seiten verstehen kann. Also das mit dem Hashtag geht gar nicht, aber ansonsten denke ich mir in letzter Zeit auch häufiger, dass Freundschaften manchmal im Sande verlaufen. Ich bin beim besten Willen keine Person, die sich täglich bei allen ihren Freunden meldet. Solange das die anderen Freunde genauso handhaben und kein Drama schieben, ist alles gut. Ich habe einige Freundinnen, die ich alle paar Monate nur sehe, weil es die Entfernung nicht häufiger zulässt. Es gibt aber auch Leute, die brauchen den täglichen Kontakt. Und das kann ich den meisten nicht bieten. Natürlich ist es schade, wenn eine jahrelange Freundschaft endet, aber so wie du es schreibst, hast du in diese Freundschaft auch keine Zeit mehr (oder nur wenig) investiert. Vielleicht bin ich in der Vergangenheit zu oft enttäuscht worden, aber ich bin der Meinung, dass es manchmal besser ist, wenn manche Freundschaften enden. Und wenn beide Seiten kaum noch Zeit in die Freundschaft investieren, ist vielleicht so ein Zeitpunkt. Anscheinend hat man sich auseinander gelebt. Das man trotzdem noch niveauvoll miteinander umgehen sollte steht allerdings natürlich außer Frage.

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